
Smart Country Convention 2026 in Berlin. Wenn es um die digitale Transformation der Verwaltung geht, kommt man um diese Messe nicht mehr herum. Ein sogenanntes „Must-Attend-Event“ eben. Hier tummeln sich alle, die Rang und Namen haben: Aussteller, Besucher und Besucherinnen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich der Digitalminister Karsten Wildberger und der Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst die Chance nicht entgehen ließen, die obligatorischen Grußworte zu halten.
Wildberger nutzte die wegen der Anwesenheit des portugiesischen Digitalministers in sehr sicherem Englisch gehaltene Rede, um konkrete Fortschritte und Ziele des Ministeriums darzustellen. Vieles davon war bereits bekannt und nicht unbedingt neu. In Erinnerung blieb jedoch die unmissverständliche Aussage: „Open Source is essential“, also eben keine optionale Angelegenheit. Und dies gilt selbstverständlich auch für Kommunen. Zudem gab es die obligatorischen Hinweise, dass die „Digitalisierung“ jetzt endlich schneller gehen müsse. Warum dies nicht bereits im Eiltempo geschieht, wurde nicht erklärt.


In einer Keynote eines Ministers kann man jetzt keine schonungslose Abrechnung mit den Fehlern der Vergangenheit und Gegenwart erwarten, es sei denn, Wildberger hätte vor, politischen Selbstmord zu begehen. Wollte er offensichtlich nicht. Aber dass es durchaus schneller gehen kann, zeigt das Beispiel Ukraine: 90 % der am häufigsten nachgefragten öffentlichen Verwaltungsdienstleistungen wurden digitalisiert, während Bomben auf das Land fielen. Wie war das überhaupt möglich? Und warum tun wir uns in Deutschland so schwer? Wir sind weder dumm noch faul und gehören immer noch zu den reichsten Ländern dieser Erde. Das sollte doch wohl möglich sein. Sollte.
Je größer die SCCON von Jahr zu Jahr wird, desto umfangreicher wird auch das Vortragsprogramm. Das hat den Nachteil, dass sich die Vorträge, auch wenn sie thematisch zusammengehören, auf verschiedene, weit voneinander entfernte Bühnen verteilen. Auf der anderen Seite hat es den Vorteil, dass man dabei problemlos auf die täglichen 10.000 Schritte kommt. Bei all den Vorträgen, Panels und Reden war das Thema „Digitale Souveränität“ allgegenwärtig. Und wenn die Ratlosigkeit unter den Akteur:innen besonders groß ist, wird ja bekanntlich am meisten darüber geredet. Das ist nur ein Indikator dafür, wie es um dieses Hype-Thema wirklich bestellt ist.
Die Vertreter:innen der Kommunalverwaltungen rangen jedenfalls sichtlich um Definition und Umsetzungsmöglichkeiten. Rundherum in den Hallen standen bereits Softwareentwickler:innen, Beratungsunternehmen und Agenturen bereit und boten ihre Dienste eilfertig an. Beim Thema „Smart City“ ist inzwischen ebenfalls eine regelrechte Industrie entstanden, die den deutschen Flickenteppich aus Förder- und Pilotprojekten beackert.
Dass man mit der bisherigen Verfahrensweise in einer Sackgasse gelandet ist, haben die Städte mittlerweile erkannt. Deshalb forderte Laura Dornheim, die CDO der Stadt München, zu Recht ein Ende der Leuchtturmprojekte. In der Landeshauptstadt wolle und müsse man jetzt mehr in die Breite gehen. Das solle aber nicht heißen, dass man sich nicht weiterhin um Einzelprojekte kümmern würde. Mit der neuen Digitalstrategie, die hoffentlich in vier Wochen vom Gemeinderat verabschiedet wird, werden fünf zentrale Handlungsfelder definiert: „Gouvernement als Plattform”, „datengetriebene Verwaltung”, „Einsatz von Künstlicher Intelligenz”, „Digitale Souveränität” und „Berücksichtigung der digitalen Teilhabe”. Bei all dem sollte man sich immer die folgenden Fragen stellen: Können Prozesse stadtweit skaliert werden? Hat es einen Mehrwert für München? Ist ein Impact erkennbar? Und: Bleiben „wir“ trotz des demografischen Wandels handlungsfähig?


Sicherlich alles richtig und die Überlegungen von Dornheim könnte jede und jeder Verantwortliche in den Verwaltungen sofort unterschreiben. Das zeigt, dass wir eigentlich kein Erkenntnisproblem haben. Dabei will ich niemandem Unrecht tun. Die Redner:innen und Panellist:innen bei der SCCON waren durchweg sehr kompetent, und die präsentierten Lösungsansätze für die verschiedenen Probleme waren gut nachvollziehbar. Es war bloß das, was überall zu hören war. Fast schon beliebig, auch wenn dieser Begriff hier gar nicht abwertend gemeint ist. Mir fehlten die Kraft, die Zuversicht und der unbedingte Gestaltungswille, um das Publikum mitzureißen.
Ganz anders beim Vortrag von Dirk Schrödter, Minister und Chef der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein. Das Bundesland erfährt gerade ohnehin sehr viel Aufmerksamkeit, da es in einem Großversuch die Landesverwaltung konsequent und disruptiv auf Open Source umstellt. Weil viele hoffen, dass er damit erfolgreich sein wird, war das Panel sehr gut besucht. Und niemand wurde enttäuscht. Schrödter hielt ein flammendes Plädoyer für ein Umdenken in der Verwaltung. Er schilderte das eigene Handeln mit dem Ziel der digitalen Souveränität kompromisslos und hielt sich dabei keine Hintertürchen offen. Ganz oder gar nicht war hier die Devise. Aber er hatte auch sehr gute Argumente.
Souveränität sei am Ende keine Frage diplomatischer Governance, sondern eine von Eigentumsrechten, Vertragsgestaltungen und echter rechtlicher Absicherung. Um diese zu erreichen, brauche es innovative Ausschreibungen und den mutigen Schritt hin zu offenen Standards. Aktuell sei proprietäre Software in der Verwaltung leider noch immer der Standard und wer auf Open Source setzen möchte, gerät schnell in Erklärungsnot und muss mit einem Exotenstatus kämpfen.
Frank Dobelmann von adesso gab zu bedenken, dass die Kosten für die unvermeidlichen Transformationsprozesse ohnehin anfielen. Warum also weiterhin hohe Lizenzgebühren ins außereuropäische Ausland überweisen, anstatt die Weiterentwicklung heimischer, europäischer Hersteller gezielt zu fördern? Dass der Wandel kommt, sei allen Beteiligten klar.
Die Marktmacht der Verwaltungen ist riesig und wenn die proprietären Lizenzkosten künftig weiter steigen, wird der Schmerz irgendwann so groß sein, dass der Druck auf die Softwarehersteller automatisch wächst. Einige Hersteller von Fachverfahren gehen diesen Weg bereits entschlossen mit, während sich andere noch schwer tun. An dieser Stelle setzt die neue Vergaberichtlinie der Europäischen Kommission ein wichtiges Signal. Demnach müssen Kontingente der Ausschreibungen obligatorisch an europäische Anbieter vergeben werden. So sorgt der Staat als Ankerkunde für die konsequente Weiterentwicklung europäischer Produkte und wird damit nicht nur Innovationsmotor, sondern auch Treiber einer technologischen Souveränität.
Anna Gründler von deepset/Haystack ist der Meinung, dass offene Software und Daten nicht per se ein Allheilmittel sind. Damit Open Source als nachhaltiges Geschäftsmodell dauerhaft funktioniere, müssten die anbietenden Unternehmen auch aktiv unterstützt werden. Techniken wie agentische KI oder Vibe Coding können keine Grundlage für die Arbeit in der Verwaltung sein. Behörden benötigen ein starkes Ökosystem aus verlässlichen Unternehmen, lebendigen Communities und dem gezielten Kompetenzaufbau direkt innerhalb der Verwaltung.
Die SCCON ist mittlerweile so groß geworden, dass zwei Tage schon gar nicht mehr ausreichen, das vielfältige Angebot auch nur im Ansatz auszureizen. Aber das kann man ja vielleicht im nächsten Jahr nachholen.
Schöner Austausch mit der Düsseldorf Digitalagentur, mit Carsten Siewert von TYPO3, Björn Büter von GEO-NET und vielen anderen.