PRE_INVENT Chapter XI im K21

PRE_INVENT Chapter XI Im K21

Unter dem etwas kryptischen Titel „PRE_INVENT Chapter XI” fand im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und an der Hochschule Düsseldorf eine großartige Konferenz zum Thema „Künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf Kunst und Wissenschaft” statt. Dabei wurde hinterfragt, inwieweit KI unser Wissen, unsere Macht und unsere Sicht auf die Welt verändert.

Für die von Prof. Mareike Foecking konzipierte Fachtagung wurden namhafte internationale Speaker:innen eingeladen, um über Freiheit und Beschränkung beim Einsatz dieser neuen Technologien zu debattieren. Und alles sollte sich um die Fragen drehen: „Wie können künstlerische und wissenschaftliche Forschung ihre Unabhängigkeit bewahren und neues Wissen generieren, während die Logik der KI immer mehr Raum einnimmt. Welche Möglichkeiten ergeben sich für aktivistische Wissenschaft und künstlerischen Widerstand?“

Mareike Foecking und Klaus Stern
Mit Mareike Foecking und Isabella Til

In ihrem Eingangsvortrag gab Foecking einen kurzen Rundumblick zu diesem Thema und ihrer eigenen Forschung. Eine kritische Analyse der Möglichkeiten künstlerischer Produktion angesichts der Macht der Tech-Giganten scheint heute notwendiger denn je. Das Gefühl, mehr Opfer als Gestalter zu sein, ist schließlich nicht von der Hand zu weisen. Deshalb passte auch das Schlusszitat von Shoshana Zuboff: Man solle der Sand im Getriebe sein.

Das passte zu dem Gespräch mit Klaus Stern über das Thema Palantir. In seinem Dokumentarfilm „Watching You – Die Welt von Palantir und Alex Karp” versucht der Regisseur, hinter die Kulissen dieser umstrittenen Firma zu schauen. Palantir wird in großem Maßstab als Überwachungssoftware von Geheimdiensten und Polizeibehörden eingesetzt. Kritiker bemängeln zu Recht, dass die Software, die mithilfe von KI Profile sammelt, verknüpft und analysiert, für Außenstehende vollkommen intransparent ist. Die Firma selbst unternimmt wenig bis nichts, um Aufklärung zu betreiben. Im Gegenteil: Die Geheimniskrämerei der Gründer Peter Thiel und Alex Karp ist Teil des Erfolgs des inzwischen milliardenschweren Unternehmens.

Marktradikale und teils rechtsextreme Äußerungen in Interviews, wie sie im Handelsblatt nachzulesen sind, schaden den beiden nicht. Der Film ist auch ein Ausflug in die bizarre Welt von Menschen, die so viel Macht haben, dass sie glauben, über dem Gesetz zu stehen. Auf der anderen Seite benennen sie ihre Firmen und Softwareprodukte nach Namen aus Fantasy-Romanen und Comic-Heften, was die Infantilität und Hybris der beiden doch wieder durchscheinen lässt. Aber ab einer gewissen Größe scheint man sich alles erlauben zu können. Willkommen in der schönen neuen Welt.

Dazu gehört auch der beunruhigende Trend, dass sich immer mehr Menschen einen persönlichen Begleiter zulegen, sei es in Form eines Avatars oder eines Chatbots. Wie bereitwillig sich Menschen darauf einlassen, zeigte Katia Schwerzmann in ihrem Vortrag. Die technologischen Voraussetzungen dafür sind superpersonalisierte Zugänge, die von LLMs geschaffen werden. Eine immer feinere Anpassung des Outputs bei der individuellen Nutzung der KI wird dadurch ermöglicht, dass fortwährend Unmengen von Daten erfasst und gespeichert werden. Die Algorithmen sind so ausgerichtet, dass sie aus Sicht der Nutzer erwünschte Inhalte und Meinungen selbstverstärkend sind und die KI somit zu Freunden, Beratern, Coaches oder gar Psychotherapeuten macht. Allerdings scheint den meisten Nutzern nicht bewusst zu sein, dass sie letztlich Gespräche mit sich selbst führen und alle erzeugten Texte in Wirklichkeit nur eine statistisch wahrscheinliche Aneinanderreihung von Tokens sind.

Aber so sind wir Menschen nun einmal gebaut. Wir sehen keine Zeichen, sondern Texte, Sinn und Leben – auch da, wo keines ist, als ob ein archaischer Animismus in uns am Werk ist. Das zeigte schon Joseph Weizenbaum mit seinem für heutige Verhältnisse simplen „Chatbot“ Eliza in den 60er Jahren.

Ähnliches gilt für die Social-Media-Kanäle. Auch wenn die Begriffe „Filterblasen” und „Echokammern” in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind und das Phänomen der sich selbst verstärkenden Meinungen, Aussagen und Überzeugungen bezeichnen, ist der Gedanke, dass auch hier der Einzelne nur mit sich selbst spricht, auf den ersten Blick doch einigermaßen überraschend. Aber vielleicht doch wieder nicht. Es war schließlich das große Thema des Literaturnobelpreisträgers Harold Pinter, der diese „Nicht-Kommunikation“ in seinen Stücken aufgriff, oder des großen Arno Schmidt, der sich keine Illusionen darüber machte, ob der „andere“ überhaupt erreichbar sei. „Es hat keinen Sinn, irgendetwas zu irgendjemandem zu sagen.“

Die Vereinsamung durch Technologie schreitet voran. Zusätzlich zur Spiegelung der eigenen Welt liefert und kreiert die KI mit erzeugten Deep Fakes neue Realitäten. Jacob Jahannson führte noch einmal aus, dass diese Bilder kontextlos seien und es nicht immer klar sei, wie man angemessen darauf reagieren soll. Derweil treiben die Tech-Konzerne mit ihrem Expansionsdrang die Menschen immer weiter in ihre dystopische Welt. Die soziale Kontrolle des Individuums ist die Voraussetzung für totalitäre Unterwerfung.

Auf dem Weg in die technologiegesteuerte Zukunft werden im Silicon Valley gerade alle Skrupel über Bord geworfen. Irrwitzige Versprechen, beispiellose Zockerei, skrupellose Übertreibungen, schamlose Lügen und sogar Betrug sind in der dortigen Start-up-Kultur eher die Regel als die Ausnahme. In Kombination mit einer US-Regierung, die in orwellscher Manier ohne jede Hemmung Lügen zu Wahrheit und Wahrheit zu Lügen erklärt, kann man allen Grund haben, pessimistisch zu sein.

Peter Osborne widmete sich in seinem Vortrag über Wahrheit, Wissen, Information und Daten diesem Thema. In der Philosophie hatte es in den letzten Jahren an Bedeutung verloren, durch die neuen Entwicklungen in den USA, wie beispielsweise den Begriff „alternative Fakten” oder den Einsatz von Deep Fakes und Fake News in den Medien, jedoch wieder eine hohe Relevanz erhalten. Schätzungen zufolge sind mehr als 50 % der Inhalte im Internet KI-generiert. Man kann davon ausgehen, dass dieser Anteil wächst.

Trotzdem erfreuen sich viele Menschen an künstlich erzeugten Bildern, auch wenn ihnen bewusst ist, dass sie nicht „echt” sind. Jacob Johannson hat sich mit diesem Phänomen befasst und konstatiert, dass die Menschen eine Sehnsucht nach einer Mischung aus Nostalgie und Melancholie haben. Doch wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Auf der einen Seite stehen die Tech-Konzerne mit ihrem spezifischen Interesse an der Dominierung der Gesellschaft, auf der anderen Seite der Konsument, der sich bereitwillig der Verführung des schönen Scheins hingibt.

Brauchen wir neue Ansätze, um über KI zu diskutieren? Ist nicht alles im Prinzip schon in Adorno/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung” angelegt, dem wir uns wieder annähern müssen? Auf jeden Fall ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben, und die Fachtagung war ein guter Beitrag dazu.

Ausstellung „Grund und Boden“ im K21

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